• Nicolaj Kirisits
  • abgeschlossen: 2026

Über die Notation von Klangräumen

ODER WIE MAN ARCHITEKTUR KLANGBASIERT DENKT

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Untersuchung von Klangräumen als integraler Bestandteil der architektonischen Praxis und schlägt eine klangbasierte Architektur vor, die traditionelle Soundscape-Forschung überwindet. Bisherige Ansätze betrachten Soundscapes zwar als räumliches Phänomen, untersuchen diese in ihren materiellen Grundlagen aber entweder als musikalische Komposition oder als rein akustisches Problem und verstehen sie deshalb nicht als architektonische Aufgabe. ÜBER DIE NOTATION VON KLANGRÄUMEN schlägt stattdessen vor, Klangräume als genuin architektonische Elemente zu betrachten, die nicht durch bestehende Disziplinen wie Musik oder Akustik definiert, sondern aus einer architekturimmanenten Perspektive gedacht werden müssen, womit auch das Verständnis von Architektur überdacht werden muss.

Zentrale Konzepte, die in dieser Arbeit entwickelt werden sind das architektonische Hören und die Klangraum-Sequenz. Das architektonische Hören beschreibt die aktive Wahrnehmung von klangbasierten räumlichen Elementen. Eine Klangraum-Sequenz wird als improvisierte Bewegung durch den Raum verstanden, bei der klangbasierte Elemente entlang eines Pfades wahrgenommen und dokumentiert werden. Klangräume lassen sich als die Summe aller möglichen Klangraum-Sequenzen definieren; zumindest müssen so viele Sequenzen realisiert werden, wie man benötigt, um einen Klangraum genau zu erfassen und die multisensorische sowie rhythmische Qualität dieses Raumes zu dokumentieren.

Die Arbeit geht von einer medialen Konstruktion der architektonischen Praxis aus, die aus einer seit der Neuzeit gewachsenen Dichotomie zwischen wahrgenommenem Raum (externe Position) und geometrischem Raum (interne Position) besteht. Diese Trennung, die zwar prinzipiell viele Möglichkeiten für die architektonische Praxis eröffnet, führte jedoch zu einer visuellen Dominanz und einer Vernachlässigung multisensorischer Aspekte, insbesondere des Hörens. Mit ÜBER DIE NOTATION VON KLANGRÄUMEN schlage ich daher vor, die aktuelle architektonische Ontologie durch Klang und klangbasierte Elemente, die ich als eigenständige architektonische Gestaltungselemente betrachte, weiterzuentwickeln, um Klangräume als architektonische Elemente zu verstehen. Dafür wird auf Basis der Beschreibung von Klang im Raum mittels eines ereignisbasierten Ansatzes, der Theorie der räumlich verteilten Klangeffekte, dem Konzept der raumbasierten Klangatmosphären und der Art und Weise, wie diese Elemente wahrgenommen werden eine theoretische Grundlage geschaffen.

Ziel dieser Untersuchung ist es, die in die Architektur integrierten und aus dieser Sicht definierten Klangräume in etablierten Medien, z.B. zweidimensionalen Plänen darzustellen, um sie so nicht nur phänomenologisch, sondern vollständig in die architektonische Praxis zu integrieren. Dazu wird eine Notationsmethode entwickelt, die klangbasierte Architektur visualisiert. Bei dieser Methode werden Klänge nicht als zeitlose Objekte dargestellt, sondern der Pfad der Wahrnehmung in den Plänen dokumentiert. Im Unterschied zu verwandten Disziplinen wie der Klangkunst oder der auditiven Architektur sowie aktuellen Forschungen zur Notation von Klängen positioniert sich diese Arbeit explizit im Kontext der architektonischen Praxis. Ziel ist es, Klang und Architektur nicht nur als nebeneinander existierend zu betrachten, sondern sie zu verschmelzen und Architektur klangbasiert zu denken.

 

Excerpt from the map of Sirenen

Nicolaj Kirisits (2019), Sirenen,  interactive binaural audio installation, wireless headphones, gyroscope, screen, graphic map of audio landscape (120 x 120 cm), #fuckreality / XIII Bienal de La Habana